Zwei Artikel zum Fest, 24.12.2010
Ein Weihnachtsfest zwischen zwei Kulturen / Weihnachten ohne Angst
Ein Weihnachtsfest zwischen zwei Kulturen
Von unserem Mitarbeiter Florian Zerfaß
Gutenberg. Ein kleines, ockergelbes Häuschen in Gutenberg, die Tür ist von roten Klinkersteinen eingerahmt, ein Vorgarten ziert das Anwesen. Draußen ist der letzte Schnee noch nicht getaut, und auch drinnen hat sich weihnachtliche Stimmung breitgemacht. Im Wohnzimmer steht ein zwei Meter hoher Baum, prachtvoll geschmückt mit goldenen, silbernen und lilafarbenen Kugeln. Mit Sternen, Schleifen und Lichterkette.
Den Baum hat Sadeer El Jazraui dekoriert, gemeinsam mit seinem Sohn, dem zwei Jahre alten Philip. Stolz betrachtet Philip das gemeinsame Werk, während die kleine Esther (11 Monate) eines der Plätzchen nascht, die ihre Mama gebacken hat, Rita Gorgees, wie Sadeer im Irak geboren. In Gutenberg ist die junge Familie heimisch geworden. Direkt neben dem Christbaum hängt ein Hirschgeweih an der Wand. Ein Hauch von Jägerwohnzimmer. In das mehr als einen halben Meter lange Gehörn hat Sadeer einen großen, goldenen Stern gehängt.
Weihnachten ist für die Familie ein Fest zwischen zwei Kulturen. „Weihnachtsbäume kennen die Christen im Irak auch“, sagt Sadeer, „allerdings nimmt man dort keine Tannen. Es gibt einen ähnlichen Baum, der Saro heißt.“ Sein eigener Baum jedoch ist aus Kunststoff. „Da muss man nicht so oft staubsaugen“, sagt Sadeer, ganz der Praktiker. Außerdem leuchtet es ihm nicht ein, „einen Baum zu kaufen und nach ein paar Tagen wegzuwerfen.“
An Heiligabend steht für die Familie wie für viele Deutsche ein Gottesdienstbesuch auf dem Programm. „Wir gehen in Bad Kreuznach in die Heilig-Kreuz-Kirche“, sagt der 35-Jährige, der orthodoxer Christ ist. Seine Frau Rita gehört der chaldäischen Glaubensgemeinschaft an. Diese Strömung – sie macht die Mehrheit der Christen im Irak aus – ist der römisch-katholischen Kirche angegliedert.
Nach dem Gottesdienst wird natürlich gefeiert – und zwar nach orientalischer Tradition. „Weihnachten ist auch bei uns in erster Linie ein Familienfest“, sagt Sadeer. „In der Nacht zum 25. wird nicht geschlafen, sondern gefeiert.“ Mit seinem Vater, der Oma und den beiden Brüdern, die ebenfalls in der Region leben. Dazu gibt es traditionelle Gerichte. „Kassi“ zum Beispiel, eine Spezialität, die nur einmal im Jahr zubereitet wird – an Weihnachten. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Teig aus Grieß, gefüllt mit Hackfleisch und Paprika. „Er wird mit einer süßen Soße gegessen“, erklärt Rita, „darin sind Trauben, Datteln und getrocknete Aprikosen.“ Auch auf das gewürzte Hackfleisch im Lammdarm freut sich die Familie. „Und es gibt Wein und Schnaps“, ergänzt Sadeer lachend.
An seinem Weihnachtsbaum steht eine Krippe. Sie erinnert an eine Oase. Es gibt eine Wasserstelle, die Gebäude sind sandfarben, neben dem Stall stehen Palmen. „Meine Schwägerin hat sie mir geschenkt“, berichtet Sadeer, „da ist ein ganzes Dorf nachgestellt.“ Er zeigt eine Bäckerei und einen Händler, der Vasen verkauft. „Das ist ein bisschen Geldmacherei, damit man mehr Figuren verkaufen kann.“ Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfests auf Orientalisch sozusagen.
Auch die Geschenke stehen schon unter dem Baum. Am ersten Weihnachtstag wird aber nur Bekleidung verschenkt. „Das ist symbolisch“, erläutert Sadeer, der selbst eine theologische Ausbildung hat. „An diesem Tag ist Jesus angekommen. Für diesen Neuanfang schenken wir neue Kleider.“
Der Rest der Geschenkewünsche wird bei den irakischen Christen erst am 1. Januar erfüllt. Eine Tradition, die dem 35-Jährigen durchaus zupass kommt. „Ich habe noch kein Weihnachtsgeschenk für meine Frau“, räumt er schmunzelnd ein, „zum Glück habe ich dafür noch eine Woche länger Zeit.“
Oeffentlicher Anzeiger vom Freitag, 24. Dezember 2010, Seite 17
Weihnachtsfest ohne Angst
Christen aus dem Irak finden eine neue Heimat in Bad Kreuznach
Von
Alexandra Eisen
BAD KREUZNACH. 180 Jahre alt ist der Rosenkranz, den Warina Nouna in ihren Händen hält. Er hat. wie sie, eine lange Reise hinter sich. Von Bagdad über Damaskus nach Bad Kreuznach. Es war eine endgültige Reise. Warina Nouna, Christin aus dem Irak, 68 Jahre alt, wird ihre Heimat nie mehr wieder sehen.
Vor knapp zwei Jahren hat sie das Land gemeinsam mit ihrem Mann Shamon, 73, und ihrer 43 Fahre alten Tochter Khalida verlassen. Vertrieben vom Tenor gegen die christliche Minderheit.
Zurück blieb ihr Haus, ihr gesamtes Hab und Gut. In dem klapprigen Kleinbus, der die drei durch die Wüste in die syrische Hauptstadt Damaskus brachte, konnten sie nicht mehr mitnehmen als ein paar Koffer, darin Kleidung, wenige Erinnerungsstücke - und der Rosenkranz, der in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Warina, Shamon und Khalida sitzen in einer Wohnung in einem Mietshaus am Rande des Bad Kreuznacher Kurviertels, reichen den Besuchern die Weihnachtsplätzchen „Kolucheh", wie sie die Christen im Irak traditionell in der Weihnachtszeit backen, gefüllt mit Datteln, Walnüssen und Kokos. Die drei sind nicht alleine. An diesem Abend versammeln sich im Wohnzimmer, in dem ein kleiner künstlicher Christbaum rot und gold geschmückt leuchtet, neun weitere Familienmitglieder, Männer, Frauen. Kinder.
Es sind neun von insgesamt 23, ein großer Familienclan, dessen Erwachsene und ältere Kinder im Laufe der vergangenen Jahre aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet sind; sie sind deutsche Staatsbürger, arbeiten hier, trotz höherer Qualifikation oder Studium im Irak, als Handwerker oder Facharbeiter. Die Jüngsten sind hier geboren.
In der Kurstadt an der Nahe bauen sie sich ein neues Leben auf, in dem sie ihren Glauben leben können, ohne Verfolgung, ohne die Angst und den Terror, denen die christliche Familie im Irak ausgesetzt war. „Jetzt ist unser Leben hier, wir schauen nicht zurück", sagt Warina, deren Worte von Schwiegersohn Admoun Nona übersetzt werden. Die Familie gehört zur chaldäisch-katholischen Kirche und spricht Aramäisch, die Sprache Jesu.
Davongejagt aus der „Wiege des Christentums"
Mehr als
die Hälfte der ursprünglich 1,2 Millionen Christen hat nach Schätzungen des
Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) seit 2003, dem Ende des
dritten Golfkrieges, den Irak verlassen. Mittlerweile gehen
Flüchtlingsorganisationen davon aus, dass der Anteil der Christen im
Zweistromland bei unter einem Prozent liegt. Anfang der 80er-Jahre waren es
immerhin noch etwa sechs Prozent.
„Das Zusammenleben von Christen und Muslimen im Irak war nie hundertprozentig friedlich, aber im Alltag gab es kaum Probleme", erinnert sich Admoun Nona, 45. „Wir haben gemeinsam mit den Muslimen in drei Kriegen für den Irak gekämpft und sind für unser Land gestorben", klagt sein 40 Jahre alter Schwager Sana Radshamon, Sohn von Warina und Shamon. Und jetzt werden sie von islamischen Fanatikern aus dem Land gejagt. das sie als das ihrige empfinden und als die Wiege des Christentums bezeichnen.
Warina und Shamon, die EItern, hatten mit ihrer Tochter Kahlida am längsten im Bagdader Stadtteil Dora ausgeharrt, dem einstigen Zentrum der Christen in der irakischen Hauptstadt „Entweder ihr geht. oder wir zünden Euer Haus an". habe man ihnen wiederholt gedroht. Da sind sie gegangen. In der Gewissheit zwar, dass sie ihren Lebensabend nicht mehr in der Heimat verbringen werden, dafür aber wieder vereint sind mit ihren Lieben. „Es ist schön, fast alle Kinder und Enkel sind bei mir", sagt Warina. Von der großen Familie lebt jetzt keiner mehr im Irak, aber zwei ihrer Töchter warten in Damaskus noch immer darauf, auch nach Deutschland reisen zu dürfen. Die 68-jährige Mutter weint jeden Tag, aus Angst, sie nicht mehr wieder zu sehen.
Denn niemand weiß derzeit, wie die Chancen stehen, dass Deutschland und andere europäische Staaten erneut irakische Flüchtlinge aufnehmen. 2008 hatten die europäischen Innenminister beschlossen, zehntausend einreisen zu lassen, 2500 kamen im Rahmen dieser „Kontingent-Lösung" nach Deutschland. Auch Warina, Shamon und Kahlida gehörten zu diesem Kontingent, durften nach einem kurzen Aufenthalt im Grenzdurchgangslager Friedland im Dezember 2009 endlich zu ihrer Familie nach Bad Kreuznach. Kahlida besucht seitdem einen Integrationskurs, in dem sie Deutsch lernt. Der große Traum der 43‑Jährigen ist es, hier als Erzieherin zu arbeiten, denn auch in Bagdad hat sie in der chaldäisch-katholischen Kirche ehrenamtlich Kinder betreut und unterrichtet.
Die jüngsten Nachrichten aus dem Irak, wonach die Vertreter der christlichen Kirchen auch Deutschland darum bitten, keine Christen mehr aufzunehmen, um den Exodus nicht weiter zu unterstützen, hören die Flüchtlinge mit Sorge. „Die Kirchenoberen fahren in gepanzerten Wagen und haben Leibwächter. Aber wie wollen sie uns schützen?", fragt Admoun Nona. „Die Christen wollen nicht bleiben, sie können uns nicht schützen. Bald gibt es im Irak keine Christen mehr", sagt sein Schwager Sana resigniert und appelliert an die deutsche Politik, weiterhin Flüchtlinge ins Land zu lassen.
Hoffnung auf Aufnahme der Töchter in Deutschland
Die Gedanken der christlichen Exil-Iraker sind in diesen Tagen bei ihren Glaubensbrüdem und -schwestern in der Heimat. „Früher waren die Kirchen an Weihnachten voll, aber heute trauen sich aus Angst vor Anschlägen die wenigsten in die Messe und können sie nur am Fernseher verfolgen", sagt Admoun Nona.
Seine große Familie aber kann an Heiligabend erst gemeinsam das Essen vorbereiten, Hühnchen und Reis, und danach ohne Angst zum Gottesdienst in die Bad Kreuznacher Kreuzkirche gehen. Die 68-jährige Warina Nouna wird ihren Rosenkranz fest in den Händen halten. Sie werden singen und beten und an Warinas Töchter in Damaskus denken, die darauf hoffen, auch in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Und dann werden sie sich alle die Hand reichen, wie es Brauch ist, und sich in der Sprache Jesu „Edo bricho" wünschen - ein frohes Weihnachtsfest.
Info:
CHRISTEN IM IRAK
- Im Irak gibt es mehrere katholische Kirchengemeins-chaften, darunter die chaldäisch-katholische, die assyrische, die syrisch-orthodoxe, die syrisch-katholische, die armenisch-apostolische und die armenisch-katholische Kirche.
- Die Geschichte der Christen im Irak, Kernland des früheren Mesopotamiens, ist mehr als 2000 Jahre alt.
- Unter der Diktatur Saddam Husseins waren die Christen den Muslimen offiziell gleichgestellt, ihre Zahl lag bei 1,2 Millionen. Seit Saddams Sturz eskaliert die Gewalt gegen Christen.
Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach – Weihnachten 2010


