Öffentlicher Anzeiger, 29.12.2010

Vor dem Krieg in die Obdachlosigkeit geflüchtet

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Von unserer Redakteurin
Denise Bergfeld

 

M Bad Kreuznach. Ein karg eingerichtetes Wohnzimmer. In der Ecke steht eine Wiege, in der ein vier Wochen altes Baby liegt. Das kleine Mädchen ist der ganze Stolz von Saida Abdi und ihrem Ehemann Ali Ahmed. Die 23-jährige Somalierin nimmt ihre Tochter auf den Arm. Sie ist in eine Decke gewickelt. Liebevoll streichelt Saida der kleinen Mandek über ihre pechschwarzen Haare. Das Mädchen gähnt, im nächsten Moment verzieht es den Mund zu einem Lächeln. Asylantrag, Dublin-II-Verordnung, Abschiebung. Diese Worte versteht die kleine Mandek nicht.

Das Lächeln fällt ihren Eltern hingegen schwer. Sind doch diese Begriffe in den Räumen der Familie allgegenwärtig. Ständig kreisen ihre Gedanken darum. Sie haben Angst. Angst, es könnte die Polizei sein, wenn es morgens an ihrer Wohnungstür klopft. Angst, abgeschoben zu werden. Angst, dass ihr Neugeborenes keine Zukunft hat.

 

Der Krieg schlägt sie in die Flucht

Saida und Ali sind aus Somalia geflüchtet. Der seit knapp 20 Jahren andauernde Bürgerkrieg hat sie dazu getrieben. Ihr Weg führte sie über Italien nach Bad Kreuznach. Jetziger Status: eine Aufenthaltsgestattung bis zum 3. Januar. Einen Eilantrag auf Asyl lehnten die Behörden ab. Am 24. Dezember, wo sich die Menschen über Weihnachtskarten und Geschenke freuen, erhielten die Somalier das Schreiben per Post. Wie es weitergeht, wissen sie nicht. Sie wirken abgekämpft nach ihrer langen Reise auf der Suche nach einer Zukunft.

Eine Perspektive gab es in ihrer Heimatstadt Mogadischu nicht. Mit ihren Eltern hatten sie über eine Flucht gesprochen. Ihr seid jung, ihr könnt es schaffen, hatten die gesagt. Die ständigen Gewehrsalven, die vielen toten Menschen. Das alles wollte das junge Paar hinter sich lassen. „Vor die Tür zu gehen, ist in Somalia wie ein Glücksspiel“, sagt Saida in ihrer Landessprache Somali. Der Einsatz ist das eigene Leben. Eine junge Somalierin, die mit ihrer Familie vor Jahren in die Kurstadt kam, übersetzt. Saida nennt sie dankbar „Schwester“.

Im Jahr 2007 flüchtete das Ehepaar mit dem Auto über Äthiopien in den Sudan, weiter nach Libyen, dann mit einem Boot auf die Insel Lampedusa. Dort strandeten sie wie schon Tausende Afrikaner. Ihre erste Station war ein Flüchtlingscamp, bis sie ihr Weg ins italienische Palermo führte. Dort wartete nur die Obdachlosigkeit. Ein Leben von der Hand in den Mund.

Asylsuchende, die als Bootsflüchtlinge in Süditalien stranden, landen meist in solchen Flüchtlingscamps. Sobald das Asylverfahren abgeschlossen ist, werden sie in der Regel obdachlos. Auch dann, wenn ihnen Asyl oder humanitärer Schutz gewährt wurde. Saida und ihr 26-jähriger Mann schliefen auf der Straße, auf dem Bürgersteig oder unter Brücken. 2009 erhielten sie Flüchtlingsschutz und Ausweise von den italienischen Behörden. An ihren sozialen Problemen änderte sich dadurch aber nichts.

Bei der italienischen Caritas gab es zwei- bis dreimal pro Woche ein Mittagessen, die restliche Zeit bettelten sie oder wurden von anderen obdachlosen Flüchtlingen mitversorgt. Einmal fand Ali Ahmed illegal Arbeit für 24 Tage als landwirtschaftlicher Helfer. Seinen Lohn dafür erhielt er nie. Ab und an konnte zumindest seine Frau auf einem Matratzenlager übernachten, die restliche Zeit schlief sie mit ihrem Mann unter freiem Himmel.

Als Saida spürte, dass sie ein Kind erwartet, wusste sie, dass sie nicht bleiben kann. Die anderen Flüchtlinge sammelten Geld für ein Zugticket nach Deutschland. Von Gießen aus gelangte das Paar im August nach Bad Kreuznach. Dort erhielten sie Unterstützung vom Pfarramt für Ausländerarbeit.

Pfarrer Siggi Pick hilft mit seinem Team bei Anträgen und alltäglichen Dingen. Die Matthäus-Kirchengemeinde sammelte Hausrat und Kleidung, die Wiege hatte das Ausländerpfarramt noch im Keller stehen, die Wohnung stellte das Sozialamt. Ein Dach über dem Kopf, das hatte die junge Familie seit Jahren nicht mehr. Für sie ist es Luxus. Die Sprache lernen, endlich Arbeit und vor allem Frieden finden, ist ihr größter Wunsch.

 

Alis Vater stirbt im Kugelhagel

„In Somalia starben Menschen vor unseren Augen“, sagt Saida. Auch Alis Vater wurde von den radikal-islamischen Al-Shabaab-Milizen erschossen. Saida musste ihre heute fünfjährige Tochter aus erster Ehe bei ihrer Flucht zurücklassen. Die Bootsfahrt wäre zu gefährlich gewesen. Wenn sie an ihre Tochter in Mogadischu denkt, muss Saida oft weinen. Einmal im Monat kann sie mit ihr telefonieren. Sie träumt davon, das Mädchen zu sich zu holen.

Doch es ist fraglich, ob sie, ihr Mann und ihr Neugeborenes überhaupt bleiben können. Denn da ihre erste Station Italien war, ist nach der Dublin-II-Verordnung auch der EU-Staat für ein Asylverfahren zuständig, der die Einreise veranlasst oder nicht verhindert hat. Also Italien. Stellt ein Asylsuchender dennoch in einem anderen Land seinen Antrag, gibt es dort kein Asylverfahren, und er wird in den zuständigen Staat überstellt. Die einzige Hoffnung für die Familie ist nun, dass ihr in Bad Kreuznach geborenes Kind Asyl erhält und sie mit ihm bleiben dürfen.

Heute trifft sich die Familie deshalb gemeinsam mit Ausländerpfarrer Pick mit einer Anwältin. Sie wollen verhindern, dass das Mädchen in Italien auf der Straße aufwachsen muss. Auch eine Rückkehr in ihre Heimat ist keine Alternative. Denn dort wartet nur der Krieg, und dem kleinen Mädchen droht die Zwangsbeschneidung.

Oeffentlicher Anzeiger vom Mittwoch, 29. Dezember 2010

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