Die Brücke; Chrismon, 24.02.2009
Zwei Artikel und ein Interview
Pfarrer Pick hat neulich in einem unserer Gottesdienste auf eine Initiative des Arbeitskreises Asyl in Bad Kreuznach zu Gunsten irakischer Flüchtlinge aufmerksam gemacht.
Die Anzahl der zivilen Opfer des Irak-Krieges wird auf 350.000 geschätzt. Viele sind Opfer von religiösem Fanatismus. Aufgehetzte Sunniten und Schiiten führen Krieg gegen Zivilisten der jeweils anderen Seite. Extrem gefährdet sind die ursprünglich zwei Millionen irakischer Christen (römisch-katholisch, orthodox, aramäisch, armenisch usw.), weil diese zwischen sämtlichen Stühlen sitzen. Es wird geschätzt, dass die Hälfte der Christen ausTodesangst das Land bereits verlassen hat.
Etwa eine Million irakischer Menschen hat Zuflucht im Nachbarland Syrien gefunden und wird dort mehr schlecht als recht vom Flüchtlingshilfswerk der UNO unterstützt.
In Deutschland fordern u.a. die Kirchen die Aufnahme von solchen Kontingentflüchtlingen, die von der UNO anerkannt wurden. Das ist ohne weiteres möglich: die Flüchtlingsheime stehen leer, die Zahlen der Asylbewerber sind drastisch zurückgegangen. Die Bundesregerung stemmt sich noch gegen die Aufnahme, weil die irakische Regierung aus propagandistischen Gründen die Sicherheitslage im Land verharmlost.
In Bad Kreuznach fordert der ,,Arbeitskreis Asyl" mit der Kampagne ,,Save me!" die Aufnahme von hundert Einzelpersonen oder Familien. Für sie werden Paten gesucht, die sich bereit erklären, Beispielsweise die Flüchtlinge zu einem Termin beim Ausländeramt oder Sozialamt zu begleiten. Niemand muss befürchten, überfordert zu werden. Die Betreuung ist Aufgabe der staatlichen Behörden. Es kommt nur darauf an, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind und nicht allein gelassen werden.
Das Ausländerpfarramt des Kirchenkreises kann helfen. Die ökumenische Hausaufgabenhilfe unserer Gemeinde (zusammen mit der katholischen Schwestergemeinde von Heilig Kreuz) hat kürzlich die professionelle Hilfe für drei irakische Schüler aus Alsenz veranlassen können, die kein Wort Deutsch verstanden.
Ich habe mich zur Teilnahme entschlossen. Wer ebenfalls interessiert ist, kann sich an Pfarrer Siegfried Pick wenden, Telefon: 0671/8459152. Weitere Informationen finden Sie auch auf der Homepage der Save me-Kampagne: www.save-me-badkreuznach.de.
W. Crombach
Die Brücke, Paulusgemeinde, Herbst 2008
Rettungsring für Flüchtlinge
Am Infostand verteilen Pick und seine Mitstreiter Flugblätter, ziehen Passanten ins Gespräch. Sie werben dafür, dass Deutschland sich am internationalen Flüchtlingsschutz beteiligt und jedes Jahr ein festes Kontingent, also eine feste Anzahl, Flüchtlinge aufnimmt. Und sie suchen Ehrenamtliche, die den Neuankömmlingen in ihrer Stadt mit Rat und Tat beistehen. 50 Paten haben die Bad Kreuznacher Aktivisten in drei Monaten bereits gewonnen, 100 sollen es werden.
MARION UNGER
„Die Politik muss endlich umdenken“
Ausländerpfarrer Siegfried Pick über Konzept und Ziele der Kampagne „save me - eine Stadt sagt ja"
Herr Pick, was soll die Kampagne „save me - eine Stadt sagt ja" bewirken?
Ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen. ,,save me" ist eine Initiative von unten, von Bürgern in Städten und Gemeinden. Sie drängen bei Politikern darauf, dass jedes Land ein Kontingent von Flüchtlingen integriert. Für diese übernehmen sie Patenschaften.
Was müssen die Paten konkret tun?
Sie können die Neuankömmlinge begrüßen und mit ihrer neuen Umgebung vertraut machen. Dazu gehören ganz einfache Dinge wie zum Beispiel zu zeigen, wo man günstig einkaufen kann. Begleitung zu Behörden wäre hilfreich, aber auch das Vermitteln von Kontakten zu alteingesessenen Kreuznachern. Auch der Weg zur nächsten Kirchengemeinde sollte ihnen gezeigt werden, denn nach allen Erfahrungen sind etwa ein Drittel der Flüchtlinge Christen.
Wie werden die Zuwanderer ausgewählt?
Der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen hat weltweit 155000 Flüchtlinge als besonders schutzbedürftig anerkannt. Dazu gehören alleinstehende Frauen mit Kindern, in Kriegen verletzte und schwer traumatisierte Menschen, zum Beispiel vergewaltigte Frauen. Wenn sie von europäischen Ländern aufgenommen werden, bleiben sie auf Dauer dort.
Die EU-lnnenminister haben beschlossen, 10000 Flüchtlingen aus dem Irak Zuflucht zu gewähren. Bis zu 2500 von ihnen soll Deutschland aufnehmen. Ist das ein Anfang in Ihrem Sinne?
Das ist zumindest ein erster Schritt. Er ist als kleiner Erfolg der „save-me"-Kampagne zu werten, die schon in anderen Städten - etwa in München und Aachen - läuft. Das kann aber nur ein Einstieg sein in eine Flüchtlingspolitik, die in den nächsten Monaten die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Krisengebieten ermöglicht.
Wann kommen die ersten Flüchtlinge an die Nahe?
Von den Kontingentflüchtlingen aus dem Irak könnten einige wenige bereits vor Ostern hierher kommen. Alles Weitere hängt von den politischen Entscheidungen ab.
INTERVIEW: MARION UNGER
Chrismon Plus Rheinland 02/2009


